Schuldgefühle

… sind manchmal eine ziemlich bekloppte Erfindung. Vor allem, wenn man irgendwo weiß, daß sie unsinnig sind, weil man eigentlich keine Schuld hat.

Lange Geschichte kurz gefasst: Mein Vater hat, als ich ein Kind war, gesoffen. Fand‘ ich damals nicht schlimm, denn es hatte für mich keine negativen Auswirkungen. Für meine Mutter schon, weshalb die ihn dann zur Therapie gedrängt hat. Die hat er gemacht und war dann trocken, 10 Jahre lang. Auch die Scheidung hat da nichts dran geändert, obwohl jeder dachte, er würde wieder anfangen.

Aber als ich dann nach dem Abi nach Spanien gegangen bin, und er auf einmal ganz allein in der Wohnung war und bei Feiern der Einzige, der nichts getrunken hat (davor hab‘ ich es ihm immer gleich getan, und auch nichts getrunken)… traurig guck tja, da hat er wieder angefangen…

Als ich das gemerkt hab‘, hab‘ ich noch ein halbes Jahr mit mir selbst gekämpft, und bin dann zurück nach Deutschland. Ich hab‘ mir selbst die Schuld gegeben, schließlich hab‘ ich ihn ja allein gelassen. Und irgendwie hab‘ ich mir eingeredet, wenn ich wieder komm‘, hört er wieder auf.

Schultern zuck Tja, was soll ich sagen? Am Donnerstag vor 6 Jahren bin ich wieder gekommen… und es ist bloß schlimmer geworden. Mittlerweile in dem Ausmaß, daß er eigentlich nicht mehr der Mensch ist, der er früher war… ein Mensch, den ich bewundert und geliebt hab‘ und der nicht nur mein Vater, sondern auch mein bester Freund war. Irgendwie ist da nicht mehr viel von übrig. Aus den Hobbies wurde Fernsehen (und dabei trinken), aus dem Mann, mit dem man über alles reden konnte, ein Dummschwätzer, der sich noch dazu nichts merken kann… und langsam glaub‘ ich auch nicht mehr, daß sich das wieder ändern würde, wenn er wieder aufhören würde. Und die Hoffnung, daß letzteres passiert… naja, die liegt in den allerletzten Zügen. Der Nachteil an der Therapie von früher ist, daß er irgendwie immer noch denkt, er wüsste, was er tut und hätte alles unter Kontrolle. Aber seien wir ehrlich: Jemand, der morgens mit einer Platzwunde an der Stirn aufwacht und nicht mehr weiß, wo er die her hat, und das auch nicht als Anlass nimmt, mal ein bißchen kürzer zu treten zumindest… Kopf schüttel  Kontrolle ist was anderes…

Daß ich mit ihm zusammenwohne, ist nicht gerade hilfreich für mich (um es mal verflucht diplomatisch auszudrücken). Aber ausziehen kann ich mir halt nicht leisten, solange ich noch in der Ausbildung stecke… Ein Grund mehr, warum ich das unbedingt gebacken kriegen muss.

Wenn ich ihn nicht mehr jeden Tag vor der Nase hab‘, krieg‘ ich es vielleicht auch mal wirklich in den Kopf, daß es nicht meine Schuld ist. Es war seine Entscheidung. Daß ich damals meinen Traum verwirklicht hab‘, hatte nichts mit ihm zu tun. Er hätte sich ja auch andere Gesellschaft suchen können (oder mal ne Frau…), oder was weiß ich. Auf jeden Fall was anderes, als wieder saufen… Irgendwo weiß ich das ja auch… irgendwo… ich muss es nur mal auskramen.

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