Zum Kaputtsein stehen…

Als ich eben Fleischfees Kommentar bei den Kleinen Dingen beantworten wollte, wurde jeder Versuch entweder ewig lang oder viel zu knapp zusammengekürzt. Also hab‘ ich spontan beschlossen, daß die Antwort einen eigenen Eintrag bekommt…

Auch mein Freundeskreis besteht zum Großteil aus „Kaputten“… Bordies, Depressiven, Leuten mit Angststörungen, eigentlich quer durch die Bank der „Störungen“, mit denen ich mich nebenbei bemerkt viel zu wenig auskenne (beim Thema Borderline hab‘ ich schwer aufgeholt, der Rest kommt noch… das Thema ist einfach hoch interessant). Könnte daran liegen, daß ich mich bei den „Freaks und Nerds“ rumtreibe, da tummeln wir uns gleich haufenweise… aber wer weiß schon, wie viele es bei den sogenannten „Normalen“ sind? Und die wenigstens stehen dazu, wenn überhaupt, dann nur bei einigen engen Freunden. Viele stehen noch nicht einmal vor sich selbst dazu. Warum eigentlich?

Erstmal vorweg: Ich persönlich sag „kaputt“, weil mir „krank“ in dem Zusammenhang nicht gefällt. Das hat einfach zu viele negative Bedeutungen, die einem dann auch durch den Kopf schwirren. Von ansteckend (und nein, das sind wir meines Wissens nicht!) bis zu dem so oft verwendeten „das ist doch krank!“ für etwas abartiges. Außerdem hab‘ ich dann sofort das Lied „1000 Nadeln“ von den Toten Hosen im Kopf, und obwohl ich das Lied liebe… positiv ist es nun wirklich nicht.

Aber „kaputt“… das klingt für mich nach „man kann es reparieren“. Und, und der Teil ist ganz wichtig, find ich: man kann nichts dafür! Ja, kann man bei vielen Krankheiten auch nicht, aber bei manchen eben doch. Falsche Ernährung, falscher Lebensstil, oder mal wieder zuviel Zug am offenen Autofenster abbekommen jemanden angrins… Aber kaputt wird man gemacht. Einflüsse von außen bringen das Hirn eines Tages dazu, zu reagieren, sich zu schützen, zu versuchen, damit klarzukommen… auf die eine oder andere Art. Und mir ist absolut egal, was manche sagen, man sucht sich das nicht aktiv aus! Jetzt mal ernsthaft, Leute: Denkt ihr wirklich, irgendjemand denkt sich eines Tages „och… Borderline klingt schick, das hab‘ ich jetzt!“? Mag Leute geben, die aus diesem Grund vorgeben, das Problem zu haben, aber das war’s dann auch schon. Die einzige aktive Entscheidung, die man als Kaputter hat, ist, ob man sitzen bleibt und abwartet oder ob man versucht, zu kämpfen, sich zu „reparieren“.

Aber warum steht man dann nicht dazu? Weil man Angst vor der Reaktion der anderen hat. Daß sie dann auf Abstand gehen oder sowas. Kenn ich ja selbst, sooo lange steh ich ja selbst noch nicht zu meinen Problemen.

Aber irgendwann hab‘ ich beschlossen, daß ich mich dafür nicht schämen muss. Ja, ich hab‘ da ein ziemliches Problem, aber 1. weiß ich das (im Gegensatz zu vielen anderen, und das ist doch schon mal ein Anfang), 2. war das nicht meine Idee und 3. versuch‘ ich dran zu arbeiten. Ich werd’s wohl nicht völlig reparieren können, aber doch wohl hoffentlich in einem für mich (und mein Umfeld) akzeptablem Ausmaß. Und: ich bin eben so, ich bin die Maus! Und entweder jemand mag Mäuse und alles ist gut, oder jemand mag sie eben nicht, und dann gehen wir uns eben aus dem Weg…

Ich hab‘ bei Leuten, die ich zu der Zeit im Internet kennengelernt hab‘, angefangen. Und wisst ihr was? Ich hab‘ immer noch Kontakt mit denen! Will heißen: Niemand ist schreiend weggerannt, niemand sagte „oh… äh… na dann… nee, danke“. Dann mit den engsten Freunden weitergemacht. Auch hier dasselbe. Und ziemlich oft ein „na, das erklärt einiges“. Und mittlerweile weiß es außer meiner Familie eigentlich jeder in meinem direkten Umfeld. Meine Kollegen zwar nicht im Detail, aber daß was nicht stimmt, schon. Und sogar meine Chefs haben nicht negativ reagiert.

Verhalten sich die Leute mir gegenüber jetzt anders? Ja. Aber das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Denn sie wissen jetzt, woran manche Verhaltensweisen, an denen sie vorher sozusagen verzweifelt sind, liegen und haben Verständnis. Beispiel Arbeit: Wenn ich plötzlich für 5 Minuten weg bin, wissen sie jetzt, ich musste grad mal raus, eine rauchen und mich wieder einkriegen, aber ich bin gleich zurück. Ich krieg‘ nicht mehr an den Kopf geworfen, daß ich Bockmist gebaut hab‘, sondern ruhig gesagt, „das war Mist, das musst du so und so machen, dann funktioniert das!“. Damit kann ich dann umgehen und alles ist gut. Beispiel Freunde: Die sind nicht mehr sauer, weil ich mal ’ne Verabredung absage. Ich sage ihnen jetzt einfach, daß es heute nicht geht, und dann ist gut. Keine Ausreden mehr erfinden, die dann sowieso unglaubwürdig klingen und den anderen verärgern… Es macht einfach vieles leichter!

Also, mal zusammengefasst: Liebe „Mitkaputte“, ihr könnt‘ nix dafür! Ihr braucht euch nicht zu schämen. Ihr müsst es ja nicht gleich der Verkäuferin an der Fleischtheke auf die Nase binden, aber die Leute in eurem Umfeld sollten es schon wissen. Sie werden nicht wegrennen. Im Gegenteil, sie werden dann bei vielem mehr Verständnis (oder überhaupt mal welches) haben, und sie können dann auch viel besser mit euch umgehen. Und: sie können euch auch mal helfen! Das geht aber nur, wenn sie wissen, was los ist. Wie soll man jemanden bei einer Angstattacke anständig beruhigen, wenn man noch nicht einmal weiß, daß der Mensch eine hat geschweigedenn warum? Vielleicht werdet ihr ja auch (wie ich) überrascht sein, wie viele auf einmal damit rausrücken, daß sie auch den ein oder anderen Knacks haben?

Und wenn doch mal einer wegrennt: Da verpasst ihr nix! Ernsthaft! Haken dran machen und vergessen! (Ja, ist einfach gesagt, weiß ich… aber trotzdem wahr.)

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7 thoughts on “Zum Kaputtsein stehen…

  1. Zuviel Zug am offenen Autofenster? Wer macht denn sowas?! 😉

    Ach Kleene..und wenn du ein Häufchen klitze kleiner Scherben wärst, ich hätt dich trotzdem noch lieb :-*

    Du machst das schon gut so und du weißt ja wo du immer Hilfe findest. *dich feste drück*

  2. Diese kaputten, wie Du es nennst sind ja nicht aus Spaß zu dem geworden was sie sind. Es sind eigentlich alle mehr oder weniger traumatisierte Seelen. Der eine hat mehr ertragen als der andere und dennoch kann man nicht sagen, dass die Krankheit bei den weniger Traumatisierten keine oder weniger Berechtigung hat. Ich bin auf jeden Fall auch dafür, dazu zu stehen, denn kleine scheinbar harmlose Situationen lösen manchmal unvorhergesehene Situationen aus. Andere Menschen sind dann extrem irritiert oder sogar überfordert mit den Reaktionen, ich kenne diverse Menschen, die nicht dazu stehen wollen, das etwas nicht stimmt. Deshalb finde ich es so toll wie Du damit umgehst.

    Achja und ich habe schon mehrere Leute erlebt, die sobald sie gehört haben was Borderline ist, gemeint haben sie hätten es jetzt auch und wollten sich selbst therapieren.

    Ich kenne aber auch das extrem, dass manche Menschen einen Borderliner von vornherein direkt oder indirekt die Schuld an jeder Kleinigkeit geben. So zieht man sich dann selber immer schön aus der Verantwortung. 😉

    Es gibt da einen schönen Film bei youtube, vielleicht schaust Du mal rein da! http://youtu.be/JF9gg3syJAQ

    LG

    • Das mein ich ja. Man hat es sich nicht ausgesucht, und es gibt Gründe dafür… also warum dasfür schämen?
      Wenn Mücken auf einmal Elefanten sind… ohja… dann hilft es definitiv zu wissen, wo die Verwandlung herkommt. Und zwar beiden Seiten. Aber dafür muss man eben offen reden.
      Klar, dann kann man auch an einen „ach, da spricht doch nur das Borderline“-Menschen geraten… aber Schwund ist immer, oder?

      • Ich hasse dieses, ach ja das ist nur ein Borderliner! Das ist echt zum… ‚$§%/&)=IOP“`?=65! Harrrrrrg! Diese Leute haben doch selber viel größere Probleme als eine bloße emotionale Instabilität! 😉 Die meisten Leute sind aber nicht so Dumm, hab ich festgestellt.

  3. Mist, hab gerade gesehen, dass der Film nicht mehr online ist! Schade, er war der beste Film um andere aufzuklären.

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