Die Obermotte

Meine Mutter als Schmetterling zu bezeichnen, wäre so ziemlich das Unpassendste, was ich mir vorstellen kann. Nix schön, nix klein und harmlos… Und deswegen: Die Urmotte. Die, aus der die anderen Schmetterlinge erst entstanden sind…
Ich weiß nicht, was die Frau hat, aber eines steht für mich fest: Irgendeine psychische Krankheit hat sie. Ich kenn‘ mich da (noch) viel zu wenig aus, um es auch nur ansatzweise einordnen zu können, aber soviel Egoismus und Desinteresse, was andere Menschen betrifft, in einer Person… das ist einfach nicht normal. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, daß sie nur für einen einzigen Menschen auf der Welt wirklich Gefühle hat… sie selbst. Bei allen anderen spielt sie nur.
Wie sie zu mir war? Tja… das hing immer ganz von der Situation ab.
Situation 1: Wir waren allein (Vater im Dienst, kein Besuch da). An so Tagen oder Abenden gab es meine Lieblingsessen, und wenn mein Vater Nachtdienst hatte, durfte ich bei ihr im Bett, auf seiner Seite, schlafen. Davon abgesehen liefen diese Tage unter dem Motto: „Was immer du tust, mach‘ es bitte allein in deinem Zimmer und stör‘ mich nicht beim Fernsehen oder telefonieren!“
Situation 2: Mein Vater war da. Dann änderte sich das Motto in „Wenn du dich nicht alleine beschäftigen magst, mach‘ was mit deinem Vater!“. Immer schön mit dem Argument, daß wir wegen seinem Schichtdienst doch so wenig Zeit miteinander verbringen würden. Sie mal dazu zu bringen, mit uns beiden ein Spiel zu spielen, artete teilweise in Arbeit aus.
Situation 3: Vater nicht da, aber Besuch. Wenn mein Vater nicht da war, gab es Besuch meist von 2 Freundinnen von ihr, die mein Vater nicht ausstehen konnte (waren aber auch unangenehme Personen, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht). Mit denen saß sie dann in der Küche und hielt Kaffeeklatsch oder spielte so ein seltsames Würfelspiel. Wollte die Mini-Maus was, wurde sie abgewimmelt. Durst? „Du weißt doch, wo der Kühlschrank ist.“ Hunger? „Nachher gibt’s Abendessen.“ Bild gemalt? „Zeig’s mir nachher, ich hab‘ jetzt keine Zeit.“
Situation 4: Anderer Besuch da (z.B. meine Patentante oder Freundinnen von mir). Da war sie dann auf einmal die Supermami. Mit Spaß am spielen, basteln… und Zeit und Interesse für mich. Da wurde dann auch damit angegeben, daß ich doch so schlau wäre und schon vor dem Kindergarten lesen konnte und bla…
Heute, im Rückblick, kann ich das Verhalten und die Situationen zusammen sortieren… aber damals… Versucht da als kleines Kind mal durchzublicken! Damals war es eben nur „Wieso bin ich jetzt uninteressant? Hab‘ ich was falsch gemacht?“ und bloß nix falsch machen, dann wird man vielleicht wieder beachtet…
Wahrscheinlich kann ich deswegen bis heute das Verhalten von anderen Menschen in Bezug auf mich nicht gut deuten. Haben die schlechte Laune, weil ich was falsch gemacht hab‘? Oder wegen was anderem? Oder haben die gar keine schlechte Laune, sondern die Sonne blendet bloß oder ihre Nase juckt oder sowas? Und bloß nichts falsches machen, sonst mögen die mich am Ende nicht mehr? Tun sie das eigentlich wirklich? Oder tun sie nur so, aus welchem Grund auch immer?

8 thoughts on “Die Obermotte

  1. Also ich mag dich! Ganz ehrlich.^^
    Meine Mama is etwas anders… Sie ist nicht in der Lage mir zu zeigen, dass sie mich liebt.
    Ich war früh selbstständig, musste ich auch sein und egtl gab es zwischen uns immer nur ärger… Sorge durch Wut/Strenge zu zeigen versteht auch kein Kind. Aber nach außen hin immer heile Welt spielen…

  2. Hm… so war meine Mutter Gott sei Dank nicht. Sie hat sicher manches nicht perfekt gemacht und manchmal fand ich sie schlichtweg unmöglich und hab mich tierisch aufgeregt (und das jetzt nicht nur wegen typischer Kindereien à la „die böse Mama verbietet mir, länger als 5 Stunden am Tag fernzusehen) – aber ihre Kinder waren ihr sehr, sehr wichtig. Da bin ich auch echt dankbar dafür.
    Deine im letzten Abschnitt beschriebenen Probleme hab ich allerdings trotzdem auch, aber bei mir gibt es da sicher eine andere Ursache als bei dir.
    Hast du noch Kontakt zu deiner Mutter?

    • So wie dieselbe Ursache unterschiedliche Wirkungen haben kann, gilt das bestimmt auch andersrum…
      Nein, hab‘ ich nicht mehr. Ich hab‘ vor *überleg* 3 Jahren, glaub‘ ich, beschlossen, daß das sowieso nix bringt, zumindest nix gutes. Ich seh‘ sie manchmal noch auf der Straße (aus dem Bus heraus oder so)… aber als ich vor ein paar Monaten an einer Haltestelle saß, und sie direkt an mir vorbeilief, hat sie mich nicht einmal erkannt, oder zumindest null reagiert. Dabei hat sich seitdem an mir außer der Haarfarbe nix geändert… Naja…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s