Es… tut… so verdammt weh

(Ich warn‘ euch vor: Das hier ist nicht schön! Da ist kein (Galgen-)Humor drin und Optimismus werdet ihr auch nicht finden. Aber das musste gerade einfach raus… sorry)

Jetzt sitz‘ ich hier vorm Laptop und kann nicht aufhören, zu heulen… Und warum? Weil mein Vater sich eine neue Digitalkamera gekauft hat und mir die eben ganz stolz gezeigt hat, als ich mir in der Küche einen Kaffee geholt hab‘. Und weil ich es nicht hingekriegt hab‘, wenigstens so zu tun, als fänd‘ ich die toll. Weil ich nur dachte „toll, du hast dir eine Digitalkamera gekauft, na und? Hast doch schon eine. Und was willst du damit? Dein PC ist schon vor anderthalb Jahren kaputt gegangen und mehr in regelmäßigen Abständen sagen, daß du ihn zur Reparatur bringst oder einen neuen kaufst, tust du nicht. Wie du sowieso nichts tust außer trinken… Was willst du eigentlich fotografieren, zum Geier? Den Fernseher? Den Kühlschrank? Den Getränkemarkt? Mehr kriegst du doch eh nicht mehr zu sehen!“ Und er steht vor mir, guckt mich an wie ein kleiner Junge, der gelobt werden will… und alles was ich sagen kann ist „nicht schlecht“ und ich dreh mich um und geh‘ wieder in mein Zimmer. Und es tut mir so leid! Weil ich irgendwo weiß, daß ihm das weh getan hat. Genauso wie es ihm einfach nur weh tun muss, daß ich kaum noch aus meinem Zimmer herauskomme… daß ich ihm eigentlich nichts mehr erzähle… daß wir gerade zwar in derselben Wohnung leben, aber effektiv meilenweit voneinander entfernt sind. Und mir tut es mindestens genauso weh… aber ich kann einfach nicht anders.

Weil es noch mehr weh tut, Zeit mit ihm zu verbringen. Ihn anzusehen, diesen Menschen, der aussieht wie mein Vater… aber sich nicht so verhält. Der Dinge sagt, die mein Vater nie gesagt hätte…

Ich sehe nicht mehr fern, zumindest in dieser Wohnung nicht, nicht mal, wenn er nicht da ist. Weil es weh tut, im Wohnzimmer zu sitzen und all die Abende, die wir früher zusammen da gesessen haben, zu denken. Er am T-Shirts bemalen (und da war er echt gut drin!), ich am Spanisch lernen oder rätseln oder sowas… nebenher lief der Fernseher, und wir haben bei Krimis gemeinsam mitgeraten oder das Geschehen mit blöden Sprüchen kommentiert. Er malt nicht mehr, guckt nur stumpf hin… und die blöden Sprüche… naja, Niveau kann ins Bodenlose fallen… Serienfolgen, die wir gemeinsam teilweise mehrmals gesehen haben… an die erinnert er sich nicht.

Es tut weh, abends in der Küche zu stehen und mir was zu essen zu machen. Und daran zu denken, daß es früher normal war, daß wir zusammen gegessen und über unseren Tag geredet haben, über alles mögliche… Sich spontan mit der Maus für 20 Uhr verabreden, ging nicht. Und wenn ich irgendwo war, bin ich da immer rechtzeitig weg. 20 Uhr gab es Abendessen, mit meinem Vater. Da gab’s nichts dran zu rütteln PUNKT… und es fehlt mir so…

Es tut weh, daß komplett eingestaubte Motorrad in der Garage zu sehen. Dran zu denken, wie oft er damit früher rausgefahren ist, mir von den Strecken, die er entdeckt hat, erzählt hat…

Es tut weh, eins der T-Shirts, die er für mich bemalt hat, aus dem Schrank zu holen… und nicht zu wissen, ob er das je wieder machen wird.

Es tut so weh, den Mann, der früher so sehr auf sein Äußeres geachtet hat, an Tagen zu sehen, an denen er sich noch nicht einmal eine Hose anzieht, wenn er abends um 18 Uhr aufsteht… um sich dann in T-Shirt und Unterhose vor den Fernseher zu setzen und bis spät in die Nacht zu trinken.

Es tut weh, daß ich nicht aufhören kann, mir die Schuld daran zu geben… Sowohl daran, daß er wieder angefangen hat, wie auch daran, daß ich es nicht schaffe, ihn davon wegzubringen. Wie auch? Ich schaffe es ja nicht mal, ihn darauf anzusprechen. Ihm zu sagen, wie weh es tut, ihm dabei zuzusehen, wie er sich kaputt macht… und wie sehr es mich kaputtmacht.

Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte, käme die Antwort wie aus der Pistole geschossen „Ich will meinen Vater wiederhaben!“

19 thoughts on “Es… tut… so verdammt weh

  1. Ich kann dich so gut verstehen, nur mit dem Unterschied das mein Vater nicht mehr da ist, also da schon, aber nicht bei mir und das er auch keinen Wert mehr darauf legt. Es gab seit er weg ist so viele Momente, die ich gern mit ihm geteilt hätte und viele schöne Erinnerungen, die ich nicht haben will, weil es nur weh tun würde. Man kann nicht viel machen, außer sich immer wieder zu sagen, dass man selbst nicht die Schuld trägt und dass er seine eigenen Entscheidungen geroffen hat und damit jetzt leben muss..

  2. Je oh je. Chaosmaus. Las grad Deinen Beitrag. Danke, dass Du das geschrieben hast. Das rückt meinen Fokus weg von manchem von mir und hin zu „man, es gibt noch ganz ander Tehmen im Leben“ – wie z.B. da bei Dir. Was Du schreibst, ist gut nachzuvollziehen. Es würd auch nix nützen, wenn ich Dir sagen, Trinken hat nix mit Schuld und schon gar nicht mit Deiner zu tun. lg taw

    • Danke für den Kommentar. Ich musste leicht lächeln, denn das was du da gedacht hast, das denke ich mir auch immer mal wieder, wenn ich von den Problemen anderer lese…
      Du hast leider recht, es würde nix nützen. Eigentlich weiß ich es ja auch (ironischerweise, weil er mir das in seiner trockenen Zeit so oft erklärt hat)… eigentlich.

  3. PS Das mit dem 20 Uhr hat mich sehr berührt. Ich hatte sowas fürher auch. Da hat meine Mutter uns immer einen Gute-Nacht-Kuss gegeben. Auch, als wir schon Jugendliche und ‚cool‘ waren. Ich hab das nie gesagt – aber ich hab das g e l i e b t – und dann – eines Tages – hat sie es einfach gelassen. Erst dachte ich, ich bin schuld. Sie wär sauer oder ich hätt was falsch gemacht etc. Bis ich gecheckt hab, sie dachte wohl, wir wäre zu alt dafür. Meine Güte, das fehlte mir alle die Jahre danach…

      • Ja. So wird es wohl sein. Manchmal kann man sich später, wenn man mal erwachsen ist, ein Herz fassen und sowas sagen. Aber soweit am es nicht. Meine Mutter starb so früh (und so plötzlich), dass es dazu keinen Raum mehr gab. Ich weiß, dass sie weiß, was ich dazu fühle. Spätestens jetzt, wo ich es hier mal geschrieben hab. Auch wenn ich eigentlich nie einen besonders guten Draht zu ihr hatte. (Das weiß sie wohl inzwischen auch und es hat lang gedauert, bis ich mir sowas vor mir selbst eingestehen und nun auch schreiben konnte. Es gibt auch noch was anderes als liebe heile Welt. Und all ham sich lieb. Was Du von Deinem Vater schreibst, ruft gewiß so manches an Gefühlen auf den Plan. Und das ist nachvollziehbar. Du bist ja ein Mensch. Mit Seele und so. Letztendlich hab ich gemerkt, dass ich mein nahes Gefühl zu meiner Mutter, wenn üerhaupt, erst annehmen konnte, indem (und nachdem) ich anerkannt hab, dass es da weiß Gottauch andere Gefühle gab.

    • Danke! Was dazu sagen, ist eigentlich auch nicht nötig. Es musste einfach mal raus, und wenn es niemand gelesen hätte, wär‘ auch nicht schlimm gewesen… Hauptsache, mal rausgelassen.
      (Und ich könnt‘ mich doch grad in den A*** beißen… Alle Kommentare nacheinander beantwortet, und jedes einzelne Mal den Drang unterdrücken müssen, zu schreiben „Keine Sorge, ich komm‘ schon klar“… kann doch schon fast nicht wahr sein.)

      • Ist halt die Frage, was man unter „klarkommen“ versteht 😉
        _Schaffen_ tust du es bislang offenbar.
        Aber wie?
        Wie geht es dir dabei?
        Ich hab die letzten Jahre auch irgendwie überlebt und meinen Studienabschluss geschafft, ABER es ging mir dabei absolut nicht gut.

      • Mir auch nicht. Ich hab‘ mich irgendwie durchgewurschtelt, aber wenn ich mir angucke, wieviel liegengeblieben ist, weil zuviel Kraft dafür drauf ging, so zu tun, als wäre alles ok… *Kopf schüttel* Wird Zeit, daß sich das ändert!

  4. Oh Mann, das ist echt traurig 😦 Aber, wie die anderen schon sagten: Definitiv nicht Deine Schuld… jeder ist für sich selbst verantwortlich und dass Dein Vater trinkt ist seine bewusste Entscheidung. Er wird ja genau wissen, dass es Hilfen und Therapien gibt, nimmt diese aber nicht wahr.

    Ich weiß ja nicht, wie gut Euer Verhältnis jetzt ist, aber hast du schon mal überlegt ihm das, was du hier geschrieben hast, in einem Brief zu schreiben? Es muss bei ihm selbst klick machen, dass es so nicht weitergeht und er sich helfen lassen muss, du kannst ihn dazu nicht zwingen. Aber vielleicht würden ihm Deine Gedanken so nahe gehen, dass er in einer klaren Minuten doch mal nachdenkt und zur Besinnung kommt.

    Wie gesagt, Du bist nicht schuld, aber es ist dein gutes Recht, ihm klarzumachen, was er mit seiner Sucht eben auch Dir antut.

    • Danke für den lieben Kommentar 🙂
      Ja, das weiß er. Nur zu gut, er hatte mal eine Therapie gemacht und war dann 10 Jahre lang trocken… Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum er jetzt nichts wahr nimmt. Er müsste es ja eigentlich besser wissen, tut’s aber nicht, und vielleicht ist ihm das irgendwo peinlich…
      Über so einen Brief hab ich tatsächlich mal nachgedacht. Kann sogar sein, daß ich ihn mal angefangen habe, bin mir da grad nicht sicher. Aber irgendwie hab ich Angst, daß er dann erstmal sauer wird und komplett zumacht… kommt ja bei Suchtkranken wohl öfter vor. Und dann wär es hier in der Wohnung mit ihm RICHTIG unerträglich. Vielleicht find ich ja mal den Mut, wenn ich ausziehen kann…

  5. Das, was du empfindest, kann ich sehr gut nachvollziehen. Meine Mutter ist seit vielen Jahren alkoholabhängig und als ich noch bei ihr lebte, fühlte ich mich immer total verantwortlich für sie und hatte schreckliche Schuldgefühle. Diese schleichende Veränderung in ihrem Verhalten konnte ich kaum ertragen.
    Dann zog ich aus, weil ich erkannte, dass ich sie nicht retten kann, sondern nur mich selbst. Das war sehr schwer für mich.
    Heute besuche ich sie ab und zu. Sie trinkt immer noch sehr viel und baut geistig gerade ziemlich ab. Ich weiß, dass sie früher oder später an ihrer Sucht sterben wird und es macht mich sehr traurig. Aber ich kann ihr nicht helfen, wenn sie sich nicht helfen lassen will. SIE muss gesund werden wollen. SIE ist für ihr Leben verantwortlich.
    Ich kann nur dabei zusehen, wie sich sich selbst zugrunde richtet. Das ist furchtbar, aber ich musste lernen, es zu akzeptieren.

    • Ist schon eine traurige Geschichte, jede von der Sorte. Aber schön, daß du es da rausgeschafft hast… auch wenn man da wahrscheinlich nie ganz „raus“ ist…
      Ich hoffe, daß ich das mit dem Ausziehen auch bald hinkriege. Müssen ja nicht beide an dem Mist kaputtgehen.

  6. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll…
    Ja, es ist traurig, aber es sind sicherlich mehrere Faktoren, die dazu geführt haben. Gib nicht dir die Schuld, es macht nicht besser.

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